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mixi - Forum: Was ist eigentlich „extrem-Schwafeling"?


Herr Prof. Brainbug, sie machen seit 20 Jahren empirische Untersuchungen über die zunehmende Schwafelei in Bundestagsdebatten. Zu welchen Ergebnissen sind sie gekommen?
Prof. Brainbug:
Die Schwafelei in Bundestagsdebatten hat kontinuierlich zugenommen. Wir messen heutzutage einen durchschnittlichen Anteil von 80 bis 95% in allen Reden, - ob von der Regierungspartei oder der Opposition. Umgekehrt könnte man sagen: Würden die Politiker nur für die Anteile ihrer Reden bezahlt, in denen sie konstruktive Ideen erläutern, oder die Wahrheit sagen, dann könnte der Staat 80 bis 95% der Politikergehälter einsparen und die Politiker würden mit etwa einem Facharbeitergehalt nach Hause gehen. Wobei - mit Verlaub gesagt - sich jeder Facharbeiter freuen würde, wenn er nur noch etwa 5 Stunden pro Woche arbeiten müsste für dieses Geld.

Dr. Murxkopf: Man muss aber auch den enormen gesamtgesellschaftlichen Schaden berücksichtigen, den die Dummschwätzerei verursacht: Kinder wachsen heutzutage in dem Bewusstsein auf, dass Verblödung anscheinend zum Erfolg führt. Alle Arten von Täuschung, Verdrehung der Wahrheit und Drumherumgerede wird ihnen als der Schlüssel zum Erfolg verkauft. So werden aus Rechtsverdrehern angesehene Juristen und aus Scharlatanen hochgeschätze Würdenträger.

mixi: In unseren klinischen Experimenten mit ausgeprägten Schwaflern mussten wir leider feststellen, dass es keine Heilung gibt. Hat ein Politiker erst einmal eine gewisse Schwelle überschritten, gibt es kein Zurück mehr. Das ist wie eine Einbahnstrasse.

Wird das Thema „extrem-Schwafeling" in den Medien zu wenig beachtet?
Dr. Murxkopf:
Ja. Eindeutig. Dieses Phänomen beobachten wir mit ernster Sorge. Während jeden Tag ganze Schwafelorgien vom Stapel gelassen werden, scheint die Presse doch kaum Notiz davon zu nehmen, dass hier nur leeres Stroh gedroschen wurde. Stattdessen nehmen sie die angeblichen Aussagen der Politiker ernst und deuteln da etwas hinein, was so nicht existiert. Hier ist eine Betriebsblindheit festzustellen, oder, wie wir Forscher gerne sagen: Der blinde Fleck liegt mitten im Focus.
Prof. Brainbug: Es verhält sich hier analog zu einem „schwarzen Loch": Hat der Vortragende, oder der Zuhörer erstmal den Ereignishorizont überschritten, gibt es kein zurück mehr. Deutlicher gesagt: Ist eine Person einer Situation ausgesetzt, in der extrem geschwafelt wird, so hat sie nur 2 Möglichkeiten: Sich zu ergeben oder zu fliehen. Flieht die Person schnell genug, wird sie auch in Zukunft vor Schwafelei sicher sein. Ergibt sie sich aber, oder wird etwa gezwungen, sich stundenlanges Schwafeln anzuhören, ist dieser Mensch verloren.


Was meinen Sie mit verloren?
Prof. Brainbug:
Es tritt ein der Hypnose ähnlicher Zustand ein, der als konditionierter Reflex im Hirn gespeichert wird. Der Betroffene wird sozusagen zombiefiziert. Bei jedem weiteren Schwafeling wird dieser Reflex aktiviert und der Betroffene versinkt sofort in Trance. Das erklärt auch warum die Medien kaum Notiz nehmen von diesem versteckten Phänomen: Es ergeht den anwesenden Pressevertretern genauso wie den Zuhörern: Sie versinken in Trance und kommen erst nach Ende des Schwafeling wieder zu sich. Was sollen sie nun schreiben? Sie haben doch bewusst gar nichts mitbekommen. Hier hilft ihnen das überall ausliegende Pressematerial weiter. Sie zitieren dann aus diesem Pressematerial und ignorieren ihr Blackout.
Dr. Murxkopf: Die Journalisten ignorieren ihr Blackout indem sie sich selbst einreden, sie seien überarbeitet und das für eine persönliche Schwäche halten. Keiner würde seinen Kollegen gegenüber solch eine Schwäche zugeben wollen, - man will sich ja keine Blösse geben.


» Hat ein Politiker erst einmal eine gewisse Schwelle überschritten, gibt es kein Zurück mehr.
mixi, Chefredakteur FEINDBILD


Können Sie uns ein praktisches Beispiel des „extrem-Schwafeling" vorführen?
mixi:
Nein! Auf gar keinen Fall! Das wäre doch katastrophal: Sie würden sofort in Trance verfallen und dieses Interview könnte niemals erscheinen! Noch eins: Könnten Sie bitte die Krawatte abnehmen, das macht mich ganz nervös... Dr. Murxkopf tun sie es nicht! ... ... Meine Güte, das war knapp.
Dr. Murxkopf: Ja, ja, die Macht der Worte... Keine Sorge, ich würde hier nicht freiwillig einer unendlichen Regression Vorschub leisten. Das wäre ja völlig kontraproduktiv und wir würden die ganzen letzten 20 Jahre intensivster Forschung auf den Müll schmeissen. Allerdings muss ich doch sagen, dass es manchesmal recht knapp gewesen ist... Aber wir haben natürlich im Laufe unserer Forschungen einige Gegenmassnahmen entdeckt, die ich hier auch mal aufführen möchte: Falls Sie eine Krawatte tragen, nehmen Sie sie schnellstens ab! Zweitens: Tragen Sie niemals Herrenanzüge in grauen, blauen oder schwarzen Farbtönen. Für den Notfall : Falls Sie zu einem Vortrag eingeladen sind und gezwungen sind daran teilzunehmen, nehmen Sie einen MP3-Player mit. Stecken Sie sich vorsichtshalber einen der Knöpfe ins Ohr und stellen Sie ihr Gerät auf Stand-By. Wenn Sie merken, dass es gefährlich wird, starten Sie die Wiedergabe. Bewährt hat sich Speed-Metal. Das reinigt die Ohren.

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mixi | MAI 2004

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